Autor: Lukas Ramm, Senior Consultant

Ein Standard, der mehr als nur Rechnungslegungsprozesse ändert

Nach jahrelanger Diskussion hat das IASB am 18. Mai 2017 den neuen Standard für Versicherungsverträge herausgegeben. IFRS 17 wird IFRS 4 als Rechnungslegungsstandard für die Behandlung von Versicherungsverträgen durch Versicherer weltweit ersetzen.

Die Umsetzung von IFRS 17 wird höchstwahrscheinlich viele Prozesse verändern, aber nicht nur in der Rechnungslegung, sondern auch für die Aktuare und den zugrunde liegenden IT-Systemen. Der detaillierte Messansatz nach der neuen Norm wird sich auch stark auf die Transparenz der Versicherer auswirken, welche auch das Top-Management in den Umsetzungsprozess einbeziehen werden.

Also, was gibt es Neues?

IFRS 17 verlangt von den Versicherern, mehrere Teile der Versicherungsverträge zu trennen, um jede Komponente mit einem anderen Standard auszuweisen. Ein Beispiel hierfür könnte die Trennung einer möglichen Servicekomponente sein, die nun nach IFRS 15 ausgewiesen und damit aktiv von der Versicherungskomponente ausgeschlossen wird. Darüber hinaus werden die Anlagekomponenten nach dem ebenfalls neu implementierten Standard IFRS 9 ausgewiesen, der am 1. Januar 2018 in Kraft getreten ist.

Die getrennte Versicherungskomponente, die nun nach IFRS 17 ausgewiesen wird, wird dann auf einer detaillierteren Ebene zusammengefasst, als dies nach IFRS 4 der Fall war. Die drei Gruppen von Versicherungsverträgen weisen nun die für das jeweilige Versicherungsportfolio charakteristische Marge aus. Die Aggregationsebene der Verträge nach IFRS 17 stellt sich wie folgt dar:

  • Sichere Verträge: Versicherungsverträge, die keine wesentliche Möglichkeit haben, lästig zu werden
  • Belastende Verträge: Versicherungsverträge, die bei der erstmaligen Erfassung belastend sind
  • Sonstiger Vertrag: Gruppierung der verbleibenden Verträge im Portfolio

Implikationen

Sowohl die Trennung von Versicherungsverträgen als auch die detaillierte Aggregationsebene der Verträge erfordern eine im Wesentlichen gut strukturierte Vertragsdatenbank. Vor Beginn der Umsetzung von IFRS 17 müssen die Versicherer daher ihre Vertragsdatenbank analysieren und sicherstellen, dass alles vorhanden ist, um den Anforderungen der neuen Norm zu entsprechen.

Um den neuen Standard zu erfüllen, könnten die Versicherer gezwungen sein, neue Versicherungsportfolios aufzubauen, um den Anforderungen des IFRS 17 gerecht zu werden. So weisen beispielsweise D&O-Haftpflichtverträge eine deutlich andere Risikostruktur auf als herkömmliche Haftpflichtversicherungsverträge. Gemäß IFRS 17 sind diese Verträge zu verschiedenen Versicherungsbeständen zusammenzufassen. Auch diese Aggregation geht auf die Vertragsdatenbank und die Möglichkeit zurück, die spezifischen Merkmale von Versicherungsverträgen zu erkennen und zu kategorisieren.

Die wesentlichste Änderung ist jedoch das Bewertungsmodell, Building Block Approach genannt, der nach IFRS 17 zur Bewertung von Versicherungsverträgen verwendet wird. Der Bausteinansatz ist in vier Bausteine unterteilt:

Erster Baustein:– Geschätzter Betrag der Zahlungsströme aus der Vertragserfüllung
Zweiter Baustein:– Diskontierung, um den Zeitwert des Geldes zu berücksichtigen
Dritter Baustein:– Kompensation in Form einer Risikomarge, für die nichtfinanziellen Risiken des Vertrags
Vierter Baustein:– Restwert, der die Contractual Service Margin (CSM) des Versicherers darstellt

Unter bestimmten Umständen (z.B. die Vertragsdauer beträgt weniger als ein Jahr) können die Versicherer ein vereinfachtes Messmodell verwenden, den sogenannten Premium Allocation Approach. Dieser Ansatz ähnelt der Bewertung von Verträgen nach dem ersetzten Standard IFRS 4. Obwohl viele Verträge unter diese Bedingung fallen, müssen sich die Versicherer jedoch darüber im Klaren sein, dass sich aufgrund der oben genannten Granularität der Anforderungen Prozesse und Rollen in Unternehmen wahrscheinlich ändern werden, was einen erheblichen Fokus auf die Umsetzung von IFRS 17 der Stakeholder erfordert.

Wo soll man anfangen?

Um die komplexe Umsetzungslogik von IFRS 17 zu begreifen, muss man zunächst die neuen Prozesse des neuen Standards sowie die beteiligten Stakeholder verstehen. Grundsätzlich kann man den Prozess in drei Hauptteile unterteilen, was auch bedeutet, dass es drei (oder sogar mehr) Eckpunkte eines Prozesses gibt, an denen man mit der Einrichtung eines Projekts beginnen könnten.

  • Vorbereitung qualifizierter Daten
  • IFRS-Bewertung
  • Buchung

Wir von SOICON haben eine Komplexitätskarte in Kombination mit einer detaillierten Prozess-architektur nach IFRS 17 entwickelt, um zu verstehen, wie wichtig es ist, die Implementierung auf Basis einer qualifizierten Vertragsdatenbank zu beginnen. Sobald eine Datenmatrix entwickelt ist, haben die Versicherer eine Grundlage für wichtige Entscheidungen zur Hand (z.B.: Welches Messmodell kann zur Beurteilung der Vertragsgruppe – Bausteinansatz oder Premium Allocation Approach – verwendet werden?).

Es wird daher dringend empfohlen, dass die Versicherer vor der Programmierung neuer Berichts-logiken (Buchung) und vor Beginn der Bewertung des Versicherungsvertrags anhand des aktuellen Portfolios (IFRS-Bewertung) eine solide Datenmatrix erstellen müssen, welche alle erforderlichen Vertragsinformationen gemäß dem neuen Standard IFRS 17 zusammenstellt.

Szenario-Berechnung und IFRS 17-Hebel

Aufgrund der neuen Berichtslogik von Versicherungskomponenten wird sich die Offenlegung des Verhältnisses zwischen technischen und nicht-technischen Versicherungsergebnissen mit der Einführung von IFRS 17 ändern. Die Trennung verschiedener Vertragsteile ermöglicht es den Versicherern jedoch auch, mehrere Hebel zu nutzen, um z.B. Abschlusskosten oder Servicekosten während des Berichtsprozesses zu verteilen.

Die Risikomarge der nichtfinanziellen Risiken als dritter Baustein des neuen Bewertungsmodells stellt ebenfalls einen nützlichen Hebel nach IFRS 17 dar, um die ausgewiesene vertragliche Leistungsspanne für die Gruppe von Versicherungsverträge zu steuern.

Mit der entwickelten Szenario-Rechnung können wir anhand exemplarischer Vertragsdaten von z.B. Haftungsverträgen zeigen, wie der Ausweis des technischen und nicht-technischen Versicherungs-ergebnisses nach IFRS 17 im Gegensatz zu IFRS 4 aussehen wird. Durch Hervorhebung der wichtigen Hebel des Berichterstattungsprozesses wird deutlich (noch vor Beginn der Implementierung), worauf man sich in der Konzeptionsphase der IFRS 17-Implementierung konzentrieren sollten.

Prozessintegration und neue Rollen

Die oben dargestellte Implementierungskarte zeigt, dass die beteiligten Parteien während des Umsetzungsprozesses eng zusammenarbeiten müssen, um eine erfolgreiche Umstellung auf den neuen Standard IFRS 17 zu erreichen. Rechnungslegungsexperten, Aktuare und IT-Business-Analysten müssen während des gesamten Projekts eng zusammenarbeiten, da die einzelnen Schritte der Implementierung stark voneinander abhängig sind. Wie bereits erwähnt, ist auch die frühzeitige Einbindung des Managements entscheidend für wichtige und zukunftsweisende Entscheidungen.

Für ein IFRS 17-Projekt benötigen Versicherer nicht nur einen Projektleiter, der die Stakeholder zu einem gemeinsamen Ziel führt, sondern auch eine Vermittlerrolle zwischen den drei beteiligten Parteien entlang der neuen Prozessarchitektur: Buchhaltung, Aktuare und IT. Diese Vermittlerrolle ist ebenso wichtig wie die Einbindung eines Change Managers, da sich nicht nur Prozesse, sondern auch Rollen verändern können. Die hohe Beteiligung des Aktuars an den Managemententscheidungen bringt auch den Aktuar während des Berichtsprozesses in eine neue Rolle. IFRS 17 verlangt von den Versicherern die Offenlegung von Berechnungen der Risikomarge, was sich auch stark auf das Ergebnis der verbleibenden vertraglichen Leistungsspanne auswirkt.

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